:: Lesenswertes ::
In 150 Minuten um die Welt, 18. November 2000
Nicht selten erfüllen wir uns zum Geburtstag oder an sonstigen Ehrentagen einen oft langgehegten Wunsch. An einem "runden" Jubeltag darf's dann auch etwas Grösseres sein... Gar eine Reise rund um die Welt schenkte sich der Frauenchor Höngg am 18. November zu seinem 130-Jahr-Jubiläum. Im bis auf den letzten Platz besetzten Kirchgemeindehaus startete und endete die musikalische Erlebnis-Tour, in deren Verlauf zahlreiche Special Guests zusammen mit den Höngger Sängerinnen für abwechslungsreiche Unterhaltung sorgten - Lokalkolorit inklusive!
Singend und swingend
Immer wieder für eine Überraschung gut sind die Damen des Frauenchors Höngg - das weiss man nicht erst, seit sie als Nonnen mit "Sister Act" über die Bühne des Kirchgemeindehauses huschten... Nicht in langen Kutten, dafür in schmucken Gilets präsentierten sie sich zum Jubiläum. Augenfällig die vielen neuen Gesichter, hörbar die Verstärkung in allen Registern - Resultat einer erfolgreichen Werbekampagne im Höngger Quartierblatt. Wen wundert da noch die Höchstnote "Vorzüglich" am Schweizerischen Gesangsfest 2000 im Wallis vom vergangenen Sommer? Diese Erfolgsgeschichte hat die kompetente Dirigentin Susanne Eiggimann sicher mitgeschrieben, buchstäblich in ihren Händen lag auch die musikalische Verantwortung für den samstäglichen Grossanlass unter dem Motto "Singend und swingend".
Höngg grüsst...
Frei von der Leber und herzerfrischend startete das Abenteuer mit dem Schülerchor Rütihof, welcher sich im Rahmen des Projektes "Csundi Schuel" aus 28 Dritt- bis Sechstklässlerlnnen formierte und unter der Leitung von Esther Zoller und Fritz Körner steht. In sieben Proben studierten die Kinder ein kurzweiliges Repertoire an Schweizer Liedern ein, welches den Bogen spannte vom Schulhaus-Song (!) "Mir gönd id Schuel is Rütihof" über Traditionelles vom Trio Eugster und Polo Hofer über Peter, Sue und Marc zu Mani Matter und Peter Reber. Seinen Einstand gab der Frauenchor Höngg gleich anschliessend mit einem Quodlibet zweier Lieder aus dem Elsass und Schweden, bevor er alle zum Marktbesuch in Grossbritannien einlud.
. . .die weite Welt
In Russland machte der Ad hoc-Chor Urdorf Halt, denn "Sehnsucht heisst das alte Lied der Taiga" - Melancholie pur. Noch weiter östlich, bis nach Japan, zog es derweil die Höngger Frauen, welche in geheimnisvoller Mehrstimmigkeit mit "Sakura" den Wohlgeruch der Kirschblüten besangen. Röhren spezieller Art repräsentierten den fünften Kontinent: Gian Capaul und Daniel Scherler entlockten ihren Didgeridoos in faszinierender Technik-urtümliche Klänge, entführten in den australischen Busch mit seiner spannungsreichen Geräuschkulisse. Im Zeitalter des Cyber Space reicht auch in Höngg die Länge eines zugegeben frenetischen Applauses, um sich sogleich in Griechenland wieder zu finden, wo der Frauenchor Höngg für einmal das Gold nicht in den Kehlen sondern in den Beinen hatte und zwei Volkstänze zeigte. StirAigen Abschluss vor der Pause machte der Pianist Dominik Brühwiler in Spanien mit "Andalusia" für Klavier solo. Dabei streifte er die sich als Chorbegleiter auferlegte Zurückhaltung ab, malte dafür das Klangbild eines Landes voller Erhabenheit und Stolz.
Nach 80 Minuten...
"Dem Maa, dem spinnts..." haben die Leute wohl gedacht, als sie Noah beim Bau seiner riesenhaften Arche zusahen. Nicht so der Schülerchor Rütihof, welcher mit Mani Matters "Noah" schwungvoll zur Weiterreise aufrief. Jedoch nicht per Schiff sondern zu Fuss erreichte die Reisegesellschaft Frankreich, wo der Ad hoc-Chor Urdorf bereits wartete, um mit dem Publikum gemeinsam "Sur le pont d'Avignon" zum Besten zu geben, wobei beim gegenseitigen Umarmen unter "bons amis" ein allgemeiner Tumult losbrach...
Noch einige Grade höher auf der Hysterie-Skala dürften jene Tumulte im Amerika der fünfziger Jahre zu veranschlagen sein, als eine rebellische aunanständige" Musik die Radiostationen heimsuchte und Tanzsäle füllte: der Rock'n'Roll! Zusammen mit der Zürcher Rock'n'Roll-Band The Skylarks machte der Frauenchor Höngg sich selber und dem Publikum das wohl mitreissendste Geschenk des Abends: "A Sentimental Journey" gefolgt von "Chattanooga Chu Chu", welches bei der als Zugabe gedachten Wiederholung noch um einiges gelöster und swingiger rüberkam! Endgültig ging die Post ab bei der zwei Stücke umfassenden Show-Einlage der Band: Rock'n'Roll und Rhythm'n'Blues, die einen fast von den Stühlen rissen!
Wieder zu Atem kommend konnten alle beim beschaulichen Auftritt der Küchenschabe "La Cucaracha" rnit dem Ad hoc-Chor Urdorf, um ihn dann auch gleich wieder anzuhalten bei den feurigen Tanzdarbietungen aus Argentinien von Rosita Steinmann und Philipp Scherrer. Über Afrika mit einem sehr berührenden Lied der Zulu gings dann unwiderruflich via Italien und Franz Schuberts Gondelmelodie wieder Richtung Heimat nach Zürich-Höngg.
...in die Verlängerung
Zum stimmungsvollen Finale versammelten sich nochmals alle Protagonisten des Abends auf der Bühne, um die Jubelfeier stilecht mit dem Hit von "Band Aid" "We are the world, we are the children..." ausklingen zu lassen. Aus den geplanten 80 waren schliesslich 150 Minuten geworden, die Pause nicht mitgezählt. Wer solch eine Vielzahl illustrer Gäste einlädt, richtet sein Programm eben nicht nach der Uhr, sondern setzt auf Unterhaltung vom Feinsten. Und was der grossen Samstagabend-TV-Show Recht ist, das gilt wohl auch für den Frauenchor Höngg-wetten, dass...?
Text Liliane Forster